Unbeantwortete Themen | Aktive Themen Aktuelle Zeit: Di 11. Dez 2018, 13:32

Forumsregeln


Die Forumsregeln lesen



Auf das Thema antworten  [ 21 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3
 silbriger Nebel 
Autor Nachricht

Registriert: Fr 2. Sep 2016, 20:11
Beiträge: 397
Alter: 42
Wohnort: Thüringen, Harznähe
Mit Zitat antworten
Erinnere mich da an einen Abschnitt aus dem "Foucaultschen Pendel" von Umberto Eco.
Eco hat in "Das Foucaultsche Pendel" fast ausnahmslos sehr reale Sachverhalte verarbeitet und die nur in Romanform gekleidet.

Ich kopiere den Abschnitt mit der milchigen Wolke mal hier rein.

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Wir sahen jetzt eine kleine Schar in die Mitte der Lichtung strömen. Ich begriff, daß die kalten Lichter, die ich gesehen hatte, kleine Lampen waren, die die Priesterinnen in der Hand trugen, und daß sie mir deshalb so flach über dem Boden schwebend erschienen waren, weil die Lichtung auf dem Gipfel eines Hügels lag und ich die Druidinnen an den Rändern des Hochplateaus hatte auftauchen sehen.
Sie trugen weiße Gewänder, die im leichten Wind flatterten. Sie ordneten sich zu einem Kreis, und drei von ihnen traten in die Mitte.
»Das sind die drei hallouines von Lisieux, von Clonmacnois und von Pino Torinese«, flüsterte Agliè.
Belbo fragte, warum gerade die, aber Agliè straffte die Schultern und sagte: »Still, warten Sie ab.
Ich kann Ihnen nicht in drei Worten das Ritual und die Hierarchie der nordischen Magie erklären. Begnügen Sie sich mit dem, was ich Ihnen sage. Wenn ich nicht mehr sage, liegt es daran, daß ich nicht mehr weiß... oder nicht mehr sagen darf. Ich muß einige Diskretionsregeln beachten ...«
Im Zentrum der Lichtung lag ein Haufen Steine, der vage an einen Dolmen erinnerte. Vermutlich war die Lichtung gerade deswegen ausgesucht worden. Eine Priesterin stieg auf den Dolmen und blies in eine Trompete.
Das Instrument glich noch mehr als das, welches wir vor ein paar Stunden gesehen hatten,
einer Fanfare im Triumphmarsch der Aida. Doch es erklang ein weicher und dunkler Ton, der von sehr weither zu kommen schien. Belbo faßte mich am Arm: »Das ist das Ramsinga, das Alphorn der Thugs beim heiligen Banyan...«
Ich war taktlos. Ich begriff nicht, daß er den Scherz nur gemacht hatte, um damit andere Analogien zu verdrängen, und stieß das Messer in die Wunde: »Sicher wär's mit dem Baryton nicht so suggestiv.«
Belbo nickte. »Die sind genau deswegen hier, weil sie kein Baryton wollen«, sagte er. Ich frage mich, ob es nicht an jenem Abend war, daß er eine Verbindung zu sehen begann, einen Zusammenhang zwischen seinen Träumen und dem, was in jenen Monaten mit ihm geschah.
Agliè hatte unseren Dialog nicht verfolgt, uns aber flüstern hören. »Es handelt sich weder um eine Warnung noch um einen Appell«, sagte er. »Es ist eine Art Ultraschallsignal, um Kontakt mit den unterirdischen Wellen herzustellen.
Sehen Sie, jetzt halten sich die Druidinnen alle im Kreis an den Händen. Sie bilden eine Art lebendigen Akkumulator, um die Erdvibrationen aufzufangen und zu bündeln. Jetzt müßte die Wolke erscheinen ...«
»Welche Wolke?« flüsterte ich.
»Die Tradition nennt sie grüne Wolke. Warten Sie ...«
Ich erwartete keinerlei grüne Wolke. Aber fast jählings erhob sich aus der Erde ein weicher Dunst ein Nebel, hätte ich gesagt, wenn es eine uniforme Masse gewesen wäre. Es war eine flockige Masse, die sich an einem Punkt zusammenklumpte und dann, vom Wind getrieben, wie ein Gewölle aus Zuckerwatte aufstob, um durch die Luft zu schweben und sich an einem anderen Punkt der Lichtung niederzulassen.
Der Effekt war einzigartig, bald tauchten die Bäume im Hintergrund auf, bald vermischte
sich alles in einem weißlichen Dunst, bald wirbelte das Geflocke ins Zentrum der Lichtung, nahm uns die Sicht auf das, was geschah, ließ aber sowohl die Ränder frei als auch den Himmel, an dem der Mond weiterhin schien.
Die Flocken bewegten sich ruckartig, unerwartet, als gehorchten sie den Stößen einer
launischen Brise.
Ich dachte zuerst an einen chemischen Kunstgriff, dann überlegte ich: Wir befanden uns auf etwa sechshundert Meter Höhe, es konnten durchaus echte Nebelschwaden sein. Waren sie im Ritus vorgesehen, womöglich von ihm evoziert? Nein, das wohl nicht, aber die Priesterinnen hatten damit gerechnet, daß sich auf dieser Höhe, unter günstigen Umständen, solche über den Boden irrenden Schwaden bilden könnten.
Es war schwer, sich dem Zauber der Szenerie zu entziehen, auch weil die weißen Gewänder der Priesterinnen mit dem Weiß der Schwaden verschmolzen und ihre Gestalten aus der milchigen Dunkelheit aufzutauchen und wieder in sie zu versinken schienen, als würden sie von ihr erzeugt.
Es gab einen Moment, in dem die Wolke das ganze Zentrum der Wiese erfüllte und einige Streifen, die zerfasernd aufstiegen, fast den Mond verdeckten, wenn auch nicht so sehr, daß sie die ganze Lichtung verdunkelten, denn an den Rändern blieb sie immer noch hell. In diesem Moment sahen wir eine Druidin aus der Wolke hervorkommen und direkt auf uns zulaufen, schreiend, mit vorgestreckten Armen, so daß ich schon dachte, sie hätte uns entdeckt und schleudere uns Flüche entgegen.
Doch als sie dicht vor uns angelangt war, änderte sie ihre Richtung und begann, im Kreis um die Wolke zu laufen, verschwand nach links im weiblichen Dunst, um nach ein paar Minuten von rechts wieder zu erscheinen und uns erneut sehr nahe zu kommen, so daß ich ihr, Gesicht sehen konnte.
Es war das Gesicht einer Wahrsagerin mit großer dantesker Nase über einem schmalen, schlitzdünnen Mund, der sich öffnete wie eine unterseeische Blüte, zahnlos bis auf zwei Schneidezähne und einen asymmetrischen Eckzahn. Der Blick war beweglich, adlerscharf, stechend. Ich hörte, oder glaubte zu hören, oder glaube jetzt, mich zu
erinnern, gehört zu haben - und lege über diese Erinnerung andere Erinnerungsbilder - zusammen mit einer Reihe von Worten, die ich damals für gälisch hielt, einige Beschwörungen in einer Art von Latein, etwas wie: »O pegnia (oh, e oh! intus) et eee uluma!!!«, und mit einem Schlag war der Nebel so gut wie verschwunden, die Lichtung klärte sich wieder, und ich sah, daß sie von einem Rudel Schweine erfüllt worden war, Schweine mit Ketten aus sauren Äpfeln um die gedrungenen Hälse. Die Druidin, die
vorhin die Trompete geblasen hatte, zückte, immer noch auf dem Dolmen stehend, ein Messer.
»Gehen wir«, sagte Agliè trocken. »Es ist zu Ende.«
:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

_________________
Per aspera ad astra


So 18. Dez 2016, 20:55
Profil
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Auf das Thema antworten   [ 21 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Designed by ST Software.
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de