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 Ein Märchen 
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Registriert: Mi 17. Apr 2019, 19:43
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Nicht lange her, da hörte ich diese Geschichte. Eine Geschichte, der ein Versprechen innewohnt, das erfüllt werden will. Drum erzähl ich sie euch hier, hört her!

Es war einmal, dass ein junges, gerade erblühtes Mädchen beim Kräutersammeln, abseits ihres Dorfes die Ruhe des Waldes genoss, als ein kalter Wind sie unerwartet frösteln ließ.
Da stürzte lautlos ein riesiger Vogel, wie ein schwarzer Schatten auf sie herab. Sein gellender Schrei zerriss erst die feuchte Morgenluft, als seine Krallen sich in ihr Fleisch gruben. Mit seinem messerscharfen Schnabel schnitt er ein Stück aus ihrem leuchtenden Herzen heraus und verschlang es.
Dafür spuckte er etwas von seinem eigenen, schwarzen Herz in die Wunde.
Das Kind überlebte und rannte, kaum war der Schatten verschwunden, panisch vor Angst nach Hause. Doch erzählte es dort keinem von dem, was es erlebt hatte.

Still wurde sie, die Jahre darauf und unscheinbarer, als man es erst vermutet hätte, bis sie zu einer jungen Frau heran gereift war und sich in einen guten Jäger aus ihrem Dorf verliebte. Doch es schien, als wenn ein Fluch auf ihrer beider Liebe lag. So sehr sie sich auch um ihn bemühte, sobald ihr Gefährte sich ihrem glühenden Herzen zu sehr näherte, erwachte eine dunkle Kraft zwischen ihnen und ließ alle Blumen der Liebe verdorren. Was die Beiden auch taten, sie konnten sich nicht nah sein, ohne sich zu verlieren. Das ging so lang, bis sich die junge Frau nicht mehr zu helfen wusste und ihrem Geliebten alles anvertraute, was ihr damals widerfahren war.

Verstört durch die sich widerstrebenden Gefühle, die in seiner Brust kämpften, entschloss sich der junge Mann nach Hilfe zu suchen und begann sich umzuhören, wer dafür geeignet sei. Die Fischer schließlich erzählten ihm von einer alten Frau, die unten am Fluss allein in einer kleinen schiefen Hütte lebte und von der es hieß, dass sie auf besondere Art heilkundig war. So ging er zu ihr und bat sie um Rat.
Die Alte hörte sich schweigend die Geschichte an, die der Mann so wiedergab, wie er sie von seiner Geliebten gehörte hatte und wusste sogleich was zu tun war. Sie gab dem Jäger einen schwarzen Kieselstein, den sie zuerst, geheimnisvolle Worte murmelnd, auf ihre welke Brust gelegt hatte und sprach:
'Wenn du wieder bei deiner Liebsten bist und die dunkle Kraft erwacht, sage deiner Gefährtin sie soll auf diesen Stein spucken, dann wird das schwarze Herzstück des Vogels in den Kiesel fahren. Ist dies geschehen, wickle den Stein in ein Tuch und wirf ihn in den Fluss.
Der Fluss wird nicht weit von hier, in einem riesigen Wirbel, geradewegs hinab in die Erde gesogen. Er wird den Stein mit sich in die Tiefe ziehen. Dort unten aber verzweigt sich der Strom in ein unterirdisches Labyrinth. Das schwarze Herzstück des Dämons, wird sich dort verirren und nicht mehr herausfinden, bis es seine Kraft verloren hat.'

Der Mann bedankte sich und wollte sich gerade auf den Weg machen, da gab ihm die Alte noch ein zahmes Eichhörnchen in die Tasche, das ihm helfen sollte, seine Aufgabe zu erfüllen. Der junge Jäger sah in dem Tier jedoch nur eine Beute und verschloss seine Tasche, sobald er die alte Frau verlassen hatte, damit das Tierchen nicht entwischen konnte.

Freudig erregt, rannte er darauf zu seiner Geliebten und wollte sofort ihr Herz von dem Schatten befreien.
Doch kaum, dass er ihr wieder nah war, wurden beide von einer bleiernen Müdigkeit ergriffen. In seiner Tasche tobte das Eichhörnchen, schnatterte so laut es konnte und versuchte den Jäger zu beißen, damit er wach bliebe, doch es kam nicht aus der Tasche heraus und nach kurzer Zeit waren die beiden Liebenden tief eingeschlafen.
Als sie erwachten, war das Eichhörnchen und der schwarze Stein aus der Tasche des Jägers verschwunden.
Enttäuscht brütete der Jüngling ein paar Tage vor sich hin, dann gab er sich einen Ruck und lief erneut zu der alten Frau.
Sie begrüßte ihn herzlich und ihre Augen wirkten so jung, wie die ersten Blumen des Frühlings in ihrem runzligen Gesicht.
'Du brauchst mir nichts zu erzählen', sagte sie. 'Als das Eichhörnchen zu mir zurückkehrte, wusste ich, dass du es nicht geschafft hast. Gut, dass du wiedergekommen bist. Sag mir, was du aus deinem Fehler gelernt hast.'
'Ich darf nicht einschlafen, was auch geschieht. Hätte ich das Eichhörnchen nur nicht in meine Tasche gesperrt.'

'Gut, sagte die alte Frau, dann gebe ich dir noch einen Stein. Wieder legte sie einen schwarzen Flusskiesel auf ihre alte Brust und gab ihn darauf dem Jäger. Als er sich zum gehen wendete, holte sie noch eine zahme Dohle aus ihrem Käfig und setzte sie dem jungen Mann auf die Schulter.
'Hab deinen Spaß mit ihr', sagte die Alte zum Abschied, dann lief der Jäger nach Hause.
Endlich soll dieser Spuk ein Ende haben, dachte er bei sich.
Auf dem Rückweg jedoch trieb die Dohle allerlei Blödsinn mit dem Jäger, zupfte ihm am Ohr machte Purzelbäume auf seiner Schulter und benahm sich vollkommen albern. Dem Jäger aber stand nach solcherlei Unfug nicht der Sinn. Wild entschlossen endlich den Bann zu brechen, rannte er zu seiner Geliebten, ohne auf die Dohle zu achten.
Doch kaum betrat er ihre Hütte, als ein mächtiger Ärger ihn übermannte. War seine Gefährtin nicht an allem selber Schuld? Hätte sie nicht damals besser auf sich Achtgeben können? Und eh er sich 's versah, stritten die Beiden ohne jeden Grund, machten sich die schlimmsten Vorwürfe und alle Liebe zwischen ihnen schien verflogen.
Die kleine Dohle aber flog dabei immer von Einem zum Anderen, machte die lustigsten Kunststücke, Purzelbäume und Albernheiten, um die Beiden zum Lachen zu bringen. Doch die achteten nicht auf das Tier und stritten sich so lange, bis der Jäger wutentbrannt die Hütte der jungen Frau verließ. Den schwarzen Stein aber hatte er dabei wieder verloren.

Drei Tage und drei Nächte verkroch sich der junge Mann darauf allein im Wald, aß nichts, trank kaum und verfluchte sich selber, dass er seinem so Zorn nachgegeben hatte. Am Morgen des vierten Tages schließlich fasste er sich ein Herz und suchte abermals die Hütte der alten Frau auf. Doch die saß diesmal vor ihrer Tür auf einem Stuhl, hob abwehrend ihren Gehstock in die Höhe und schrie den Jäger an:
'Was willst du schon wieder bei mir? Geh nach Hause! Wenn du meinen Tieren nicht den Respekt erweisen kannst, den sie verdienen, kann ich dir nicht helfen.'
Verdutzt blieb der Jäger stehen wo er war und wusste nicht, was er sagen sollte. Für ihn waren Tiere immer nur eine Jagtbeute gewesen, die er fangen und töten musste, um seine Verwandten und seine Gefährtin mit Fleisch und Fellen zu erfreuen.
'Na, ja schlimmer kann es nicht mehr werden', dachte er bei sich, 'ich werde diesmal genau auf die Alte hören. Einen besseren Rat konnte mir bisher auch kein Anderer geben.'
Er nickte der alten Frau zu, um ihr zu zeigen, dass er verstanden hatte und senkte den Kopf zum Zeichen, dass er sich bessern wolle und da bat sie ihn einzutreten.
Die Hütte der Alten erzitterte leicht, als der Jäger sich mit der Faust auf die Brust schlug und versprach dieses Mal die Hilfe des Tieres anzunehmen, welches die weise Frau ihm mit auf den Weg geben würde.
Wieder legte sie einen schwarzen Kiesel auf ihre Brust und übergab ihn darauf dem jungen Mann. Dann führte sie ihn nach draußen und um die Hütte herum, wo ein Kaninchen in einem Gatter saß und mümmelte. Der Jäger nahm das kleine Fellknäul und drückte es sanft an seine Brust. Dabei konnte er fühlen, wie dessen Herz vor Angst trommelte.
Auf dem Rückweg jedoch quickte das kleine Tier auf einmal ganz erbärmlich in seiner großen Hand, rollte sich auf die Seite und streckte alle Glieder von sich, als wenn es ganz krank geworden wäre. So leid tat dem Jäger nun das Tier, dass er seinen Lauf unterbrach und das Wesen zum ausruhen in weiches Gras legte und es mit Wasser aus seiner Flasche tränkte. Dadurch dauerte der Weg nach hause lang. Bis zur Türschwelle seiner Geliebten lies das Kaninchen den Kopf hängen und schaute dem Jäger Mitleid erregend in die Augen. Aber gerade als er die Tür zur Hütte öffnen wollte, sprang das Tier, plötzlich wieder bei Kräften, aus seiner Hand und rannte munter mit großen Sprüngen davon.

Verdutzt stand der Jäger da und fragte sich, was dies alles nun zu bedeuten habe.
Dann endlich verstand er, nahm etwas Wasser aus seiner Flasche und spritze es sich ins Gesicht, dass es aussah als wenn ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Dann krümmte er seinen Leib, wie vor Schmerzen und betrat stöhnend die Hütte seiner Gefährtin.
'Geliebter, was ist mit dir?' Besorgt, kam die junge Frau auf ihn zu und geleitete ihn zu ihrem Lager. Und während er nur stöhnte und jammerte, kochte sie ihm einen heißen Brei, um ihn zu stärken. Dann setzte sie sich an seine Seite und strich liebevoll über seine Stirn, bevor sie ihn mit einem hölzernen Löffel fütterte.
Doch der Jäger verdrehte nur die Augen und ächzte als wenn er Schmerzen litt.
'Wie kann ich dir nur helfen?', frage sie ratlos.
Da richtete sich ihr Mann etwas auf und sprach:
'Ach bitte, auch wenn es dir sonderbar erscheint, sei so gut und spucke kurz auf diesen Stein, die alte Frau am Fluss sagte, dass es mir helfen würde.'
Verwirrt spuckte die Frau auf den Kiesel vor ihren Lippen, als ohne Vorzeichen ein Donner durch ihre Hütte fuhr. Ein heftiger Wind riss die Tür auf und fegte durch das Zimmer, dass die Flammen des Feuers sich duckten. Die junge Frau schrie auf vor Schreck. Alles was ihr damals an jenem Morgen im Wald geschehen war, stand ihr nun wieder vor Augen.
Der Jäger aber sprang auf und rannte wie der Wind runter zum Fluss. Im Lauf wickelte er den Flusskiesel in ein Ledertuch und rannte so schnell, dass seine Lunge ihm schmerzte, während die Sonne ihre letzten Strahlen über den Himmel schickte. Das Donnern und Grollen jagte hinter ihm her und der eisige Griff einer unsichtbaren Hand packte seinen Nacken.
Doch der Jäger schlug Harken immer wieder, schlau und wendig wie ein Kaninchen und er erreichte das Flussufer, gerade als der letzte Sonnenstrahl sich auf dem Wasser spiegelte.
Als er das Ledertuch mit dem Flusskiesel in die Wellen warf, erreichte ihn der kalte Schatten. Doch fuhr dieser durch ihn hindurch und in das Wasser hinein, direkt dorthin wo der Kiesel untergetaucht war.
Zitternd stand der Jäger am Ufer. Er hatte gar nicht die Alte bemerkt, die da nicht weit entfernt von ihm, etwas flussaufwärts, bis zu den Knien im Fluss stand und das golden schimmernde Wasser mit dem letzten Sonnenstrahl, der noch auf den Wellen tanzte, in ein kleines Fläschchen füllte.
'Gib es ihr zu trinken', sagte die Alte, 'dann wird die Wunde sich schließen.'
Kopfschüttelnd drehte sie sich um und verschwand, leise vor sich her murmelnd, in der Dämmerung.
'Diese jungen Leute', meinte der Jäger noch zu hören. 'Nichts lernen sie von alleine...'
Ja, das war eigentlich alles, was ich über diese Ereignisse zu berichten weiß.
Die junge Frau und der Jäger blieben beieinander, glücklich vereint und nie wieder fiel ein Schatten auf ihre Liebe.
Nach ein paar Jahren aber hörte der Jäger von den Fischern, dass die alte Frau unten am Fluss im Sterben lag und da rannte er zu ihr und reichte ihr Wasser, um ihre trockenen Lippen zu befeuchten.

'Ich habe mich nie für deine Hilfe bedankt oder dich gar dafür entlohnt', sagte er zu der Alten und schlug die Augen nieder, weil sie sich mit Tränen füllten. 'Wir hatten so glückliche Jahre und haben all die Zeit nur an uns gedacht.'

'Mach' dir nichts draus', sagte die alte Frau und lächelte, weil sie sah, dass der junge Mann diesmal etwas von allein gelernt hatte.
'Erzähle die Geschichte vom Fluss, der in das Labyrinth tief unter der Erde fließt, nur weiter und alles andere auch, genau so wie es sich zugetragen hat. Und erzähle den Leuten noch von der alten Frau, die an diesem Fluss lebte und immer denen beistehen wird, die ihre Hilfe erbitten. Damit wirst du deine Schuld begleichen.'
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, schloss sie ihre Augen und starb.

'Das werde ich tun', rief der Jäger ihrer Seele nach, 'versprochen.'


Mo 6. Mai 2019, 05:23
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